Nach dem Frühstück am Donnerstag konnte ich zusehen, wie Gökçe sich einen Blutegel an der Hand und Burak einen am Knie ansetzten. Keine schmerzlose Angelegenheit wie's aussah. Hat man Arzt oder Spital nicht in der Nähe, hilft man sich eben selber.
Der Tag versprach auch wieder sehr heiss zu werden, und so beschlossen wir, die heissesten Stunden im Schatten zu verdösen. Das heisst, ich döste und Cem und sein bewährtes Team arbeiteten am Seerosenteich. Der Baustil aus Felsbrocken und Tonziegeln war ein bisschen japanisch inspiriert und begann sich ideal ins Gelände einzufügen.
Später holten Burak und Gökçe die Pferde von der Weide, und zu Paschas Freudentänzen striegelten und sattelten wir sie. Heute wollten sie mir die Reisfelder zeigen. Die lagen tiefer unten, Richtung Gönen. Auf dem Weg dorthin ritten wir durch einen idyllischen Wald. Überall blühte es und hunderte von Schmetterlingen flatterten um die Blüten. Als wir aus dem Wald ins Gebiet der Reisfelder kamen, flirrte die Luft in der Hitze. Die schnurgeraden Wege zwischen den Feldern und den Wasserkanälen luden ein zu schönen Galopps und so konnten wir uns mit dem „Fahrtwind“ ein bisschen Kühlung verschaffen. Die Pferde genossen das flotte Tempo offenbar ebenso wie wir. Bevor wir uns auf den Heimweg machten, rasteten wir am Ufer eines Bewässerungskanals, wo sich die Pferde mit dem frischen Gras die Bäuche vollschlagen konnten. Zurück gings wieder durch einen Wald voller Schmetterlinge. Stetig gewannen wir an Höhe, bis sich oben auf dem höchsten Punkt des Hügels der Blick auftat über „Cem's“ Tal. Vom Sonnenuntergang in rötliches Licht getaucht lag es da in seiner ganzen Schönheit.
Nach unserer Ankunft bei der Ranch konnten wir die Fortschritte am Bau des Seerosenteichs bewundern – er bekam noch ein kleines Inselchen in die Mitte, beplanzt mit Blumen.
Nach dem Abendessen kam das ganze Dorf (vier Häuser) zu Besuch und der Kunstmaler und Musiker vom Nachbarhaus hat uns ein paar Lieder auf seiner türkischen Gitarre gespielt.
Der Freitag versprach heiss zu werden, also verzog ich mich nach dem Frühstück wieder Richtung Hängematte und nahm an diesem letzten Tag hier nochmals intensiv die ganzen Geräusche und Gerüche in mich auf. Pascha leistete mir Gesellschaft, und zusammen verdösten wir die Stunden bis zur nächsten Malzeit.
Berrin hat ihre Küche nun auf Sommer eingestellt: kalte Häppchen aus Bulgur und Linsen, die man mit Zitronensaft beträufelt und in Salatblätter eingewickelt isst. Mustafa bereitete dazu ein erfrischend kühles Getränk aus Yogurt, Eis, Wasser und wenig Salz. Was für ein Leben!
Als es fast Abend war, und immer noch niemand die Gluthitze runtergeschraubt hat, entschlossen wir uns, aufs Reiten zu verzichten. Die Mücken hätten den Pferden zu sehr zugesetzt. Ausserdem gefiel es mir selber an der kühlen Luft unter dem Mirabellenbaum viel zu sehr.
Später am Abend gingen wir in den Hammam, das türkische Bad. Wir fuhren nach Gönen, und vor dem Gebäude verabschiedeten Cem und Mustafa sich. Ab hier herrschte Geschlechtertrennung.Für mich war es der erste Besuch eines Hammams. Kein Problem: Ab jetzt war ich in Berrins Windschatten. Zuerst ging's an eine Art Brunnentrog, wo mit heissem (ca. 80 Grad!!!) und kaltem Wasser die ideale Temperatur gemischt wurde fürs erste Abwaschen. Danach kam das Schwimmbecken mit Thermalwassertemperatur – nichts für
wallungsgeplagte Menopäusler! Und wieder zurück zu den Trögen, wo wir uns gegenseitig mit leicht angerauten Waschlappen die alte Haut vom Körper schrubbten. Das Resultat war ein Häutchen wie Seide, bei mir kam noch ein Teint dazu, der an überreife Tomaten erinnerte, aber das Körpergefühl nach dem Hammam war unschlagbar: wohlig warm und durch und durch sauber.
Draussen trafen wir die Männer, die ebenfalls sauber geschrubbt aussahen, und zusammen genossen wir im riesigen Teegarten einen Tee. Von Gökçe und Burak verabschiedete ich mich schon heute, die zwei gingen auf Reisen.
Zurück auf der Ranch ging ich nach dem Abendessen zeitig zu Bett. Der nächste Tag würde früh beginnen und sehr, sehr lang werden.
Samstag Morgen. Alles ist gepackt und ich sitze mit Cem, Berrin und Mustafa bei meinem letzten türkischen Frühstück. Der Abschied ist herzlich und wir versprechen uns, in Kontakt zu bleiben. Cem bringt mich zum Fährhafen Bandirma, wo er am Abend wieder neue Gäste abholen wird.
Die Heimreise mit Fährschiff, Taxi, Flugzeug, Zug und wieder Taxi bringt mich zurück in die kühlere Schweiz.
Es waren meine ersten Ferien in der Türkei, aber sicher nicht die letzten.